Buch des Monats

Buch des Monats August 2023

Marianne Kaurin:

Irgendwo ist immer Süden

Aus dem Norwegischen von Franziska Hüther

Woow Books 2020, 228 Seiten, ab 10 Jahren

In Norwegen geht das Schuljahr dem Ende zu und alle Sechstklässler übertreffen sich mit Urlaubsplänen. „Können wir nicht eine Runde machen, in der jeder erzählt, wohin er in den Ferien fährt?“, lautet der Vorschlag. Der 11-jährigen Ina stockt der Atem. Für Leute wie sie und ihre Mutter, die in der Betonwohnanlage Tyllebakken leben, abfällig auch „Gyllebakken“ genannt, ist Reisen kein Thema. Ihr Geld reicht oft nicht einmal für das Nötigste. Was also soll Ina sagen? Als sie an der Reihe ist und alle Blicke auf sie gerichtet sind, meint sie einfach: „Im Sommer fahre ich in den Süden“, und beginnt ihre Pläne auszuschmücken. Er fahre auch in den Süden, verblüfft Vilmer, ein neuer Schüler die Klasse. Dann erläutert er aber, dass sein Vater pleite sei und es deshalb für ihn keinen „Süden“ gäbe. Auch Vilmer wohnt in Tyllebakken.

Der Junge ist nett und versucht sich Ina anzunähern. Doch die will sich nicht „hinabziehen“ lassen. Sie taxiert nur sein Äußeres und weist ihn zunächst als „uncool“ ab. Da sie angeblich gleich am ersten Ferientag in den Urlaub gestartet ist und ihre Lüge nicht auffliegen soll, bleibt ihr nichts weiter übrig, als ihre Tage in der Wohnung zu verbringen. Vilmer, der Ina schräg gegenüber wohnt, ist ihre Anwesenheit jedoch nicht entgangen. Er lockt sie hinaus und führt sie in eine versteckt liegende, verlassene Hausmeisterwohnung. Seine Idee: sich dort gemeinsam ihren Süden zu erschaffen. Der Junge überzeugt Ina, und mit Eifer und Fantasie machen sich die beiden an die Arbeit. Alles, was sich irgendwie mit einem südlichen Strandurlaub verbinden lässt, tragen sie in die Wohnung, richten sich ein, träumen sich in ihre Welt. Beide genießen ihr Zusammensein, ihre wachsende Vertrautheit, Verliebtheit.

Die Einvernehmlichkeit wird zerstört, als ein paar der angesagten Mädchen aus der Klasse in die Wohnung eindringen, das Geheimnis aufdeckt und alles gnadenlos lächerlich macht. Ina überfällt Scham. Sie rechtfertigt sich, indem sie sich von Vilmer distanziert, sich über sein Handeln lustig macht und ihn damit verrät: „Er ist nur ein Südenfreund.“ „Einer, mit dem man nur in den Ferien zusammen ist, weil man sonst keinen hat.“

Da Ina ihre Geschichte selbst erzählt, wird man Zeuge ihrer zwiespältigen Gefühle und begreift, wie aus der Trostlosigkeit ihrer Lebenslage (Armut, Arbeitslosigkeit der Mutter und daraus resultierende Depressionen) übermächtig der Wunsch erwachsen ist, zu den anderen, „der Gruppe“, dazuzugehören. Doch machen einen ihre hartherzigen, berechnenden Gedanken sprachlos. Schließlich nimmt sie in Kauf, sich selbst zu verleugnen, eine „andere Ina“ zu sein, obwohl sie in ihrem Innersten weiß, dass sie mit den angesagten Mädchen niemals auf Augenhöhe sein wird.

Der Gegensatz zwischen Überfluss und Reichtum einerseits und dem eingeschränkten Leben in einem trostlosen sozialen Umfeld wird von der Autorin eindrücklich herausgestellt. Verbirgt Ina vor der Mutter ihre Sorgen und Wünsche, können sich ihre Mitschülerinnen gönnen, was sie wollen. Als sie Ina erklären, dass sie zwar versuchen wollen mit ihr befreundet zu sein, Vilmar als Loser aber nicht dabeihaben wollen, da wird Ina endlich klar, „welche Freunde einen hochziehen und welche runter.“ Sie wird sich bei Vilmer entschuldigen und der ganzen Gruppe öffentlich zeigen, dass sie zu ihm steht.

Die Autorin erzählt eine emotionale Geschichte, in der Gruppenzwang, Lügen und Herabwürdigung unter Mädchen eine große Rolle spielen. Vor allem junge Leserinnen werden mit Ina fühlen können, die schließlich den Mut aufbringt, ihre falsche Scham zu überwinden und sie selbst zu sein.  Mit Vilmer erlebt sie „Im Süden“, dass es in der Freundschaft wesentlich auf Ehrlichkeit, Akzeptanz und Zusammenhalt ankommt.

Das Buch erhielt den 2021 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch.

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