Buch des Monats März 2020

Cornelia Funke: Palast aus Glas –

Eine Reise durch die Spiegelwelt

Mit Illustrationen der Autorin

Dressler Verlag 2019, 208 Seiten, Lesealter ab 14 Jahren

„Palast aus Glas“ ist für die Fans von Cornelia Funke nach fast zehn Jahren nur ein  Vorgeschmack auf den zu erwartenden 4. Band der „Jakob Reckless“ – Reihe.

Wer sich noch nicht mit der Spiegelwelt beschäftigt hat, braucht eine Weile, um sich zwischen den vielen magischen Wesen und Orten zurechtzufinden. Mit dem Durchschreiten spezieller Spiegel, die unsere Realität mit einer märchenhaften  Parallelwelt verbinden, eröffnet sich eine Welt zauberhafter Geschöpfe: Trolle, Heinzel, Hobs, Irrlichter und Schattenhunde geistern durch die Handlung. Diese spielt in Städten, die denen vor den Spiegeln wie Geschwister gleichen (Londra – London, Vena – Wien, Hammaburg – Hamburg,…),  handelt aber zur Zeit der Düsternis und Armut der Industrialisierung.

Cornelia Funke präsentiert acht neue Kurzgeschichten, die so aufeinander folgen, dass sie dem Leser nützliche Hintergrundinformationen zum Verständnis der Texte liefern. Vier Geschichten handeln von Jakob Reckless und seiner Begleiterin „Fuchs“. Gleich der zweite Text deckt auf, wer seine Freundin ist. „Das Geschenk“ einer Füchsin, ein feurig rotes Kleid hergestellt aus ihrem Fell, befreit Celeste von ihrer Menschenhaut und macht sie zu einer Gestaltwandlerin.

Das geheimnisvolle Covermotiv dieses Buches bildet den Hintergrund für die erste Geschichte „Das Glas, das Blei und Gold beschert“. Zwar verdichtet hier die Autorin in ihrer Beschreibung  atmosphärisch die Weihnachtsstimmung in der Stadt Londra: „Es hatte die ganze Nacht geschneit. Die Flocken waren so dicht auf Londra herab gewirbelt, als fielen Sterne vom Himmel, um die Stadt zum Weihnachtsabend zum Strahlen zu bringen.“ Doch sie erzählt von einem Waisenmädchen, das sein Leben wie viele andere Menschen als Schlammlerche fristet. Ohne Erwerb und Unterkunft sucht es am Ufer des Flusses nach Gegenständen, die es versetzen  kann, um sich wenigstens eine Armensuppe leisten zu können und wird dennoch skrupellos betrogen.

Alle folgenden Geschichten handeln von Jakob und seinen Abenteuern bei der Suche nach veräußer-baren Schätzen. Sie eröffnen Welten voller märchenhafter Motive („Die Geige des Strömkarlen“, „Der Kamm“). Dabei gelingt es der Autorin mit ihren Beschreibungen und Sprachschöpfungen die Handlungen bildgewaltig vor den Augen der Leser auszumalen. Mühelos erweitert sie ihre Erzählung mit immer neuen kreativen Einschüben.

Dem entsprechen ihre zahlreichen, sehr individuellen Schwarz-Weiß-Illustrationen, die Szenen und handelnde Personen gut vorstellbar machen. In einem etwa 20-seitigen Anhang finden sich drei überarbeitete Leseproben aus dem ersten Reckless-Band „Steinernes Fleisch“. Enthusiastische Leser der Autorin hätten sich hier sicherlich  eine  weitere neue Kurzgeschichte gewünscht.

Die Kurzgeschichten sind mitreißend geschrieben,  erfordern aber hinsichtlich der Orientierung zwischen den Spiegelwelten doch ein besonderes Leseverständnis. Der Dressler Verlag hält das Buch daher für die Altersgruppe der 14 – 17 Jährigen geeignet, was nicht heißt, dass auch Erwachsene daran Gefallen finden werden.