Buch des Monats

Buch des Monats Juli 2021

Nicole Mahne: Mia und die aus der 19

Illustriert von Kai Schüttler

Südpol Verlag Grevenbroich 2020, 162 Seiten, Lesealter 8 – 10 Jahre

„Die aus der 19“, das scheinen etwas verwirrte, komische Alte zu sein, die wegen ihrer fehlenden Selbstständigkeit auf Betreuer angewiesen sind. Die Nachbarn wissen nichts Näheres über sie und übergehen sie einfach. Nur die achtjährige Mia von gegenüber, die Ferien und damit Zeit hat, beobachtet interessiert und genau, was sich in dem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite tut, wer seine Bewohner sind. Schließlich hält sie sich für eine Detektivin.

Als von dort ein Mann mit Schwimmbrille auf sie zukommt (Herr Rippel), begegnet Mia ihm aufgeschlossen und unterhält sich vorbehaltlos mit ihm. Zwar spricht er immer nur einige Worte, aber das Mädchen liest den Sinn zwischen den Zeilen und reagiert entsprechend mit seinen Antworten. „Macht mir nichts, dass du komisch bist.“, kommentiert es das Gespräch. „Ich bin nämlich to-le-rant.“ Zu seiner Freude trägt es am nächsten Tag ebenfalls eine Schwimmbrille. Urkomisch sieht das aus, wie die beiden so voreinander stehen.

Von Herrn Rippel erfährt Mia, dass sein Mitbewohner, Herr Schlottmeier, seinen Kater „Pirat“ vermisst. Der Verlust des Tieres macht ihn unendlich traurig und er äußert die Befürchtung, jemand könne ihn gestohlen haben. Eine Mitbewohnerin wiegelt wenig einfühlsam ab: “Den hat bestimmt ein Auto plattgemacht. Der Kater liegt jetzt auf dem Asphalt wie ein alter Teppich.“ Aber Herr Schlottmeier lässt sich nicht von seiner Vermutung abbringen. Er glaubt, seine Betreuerin habe „Pirat“ gefangen und eingesperrt. Schließlich möge sie keine Katzen und habe sein Haustier schon einmal mit Absicht getreten. Diese Sachlage kommt Mia gerade recht. „Ich kümmere mich um die verschwundene Katze, versprochen!“, verkündet sie und beginnt, das Haus Nr. 19 und die Beschuldigte zu observieren. Was sie sieht, macht sie sprachlos. Sie beobachtet, wie die Frau aus dem Haus eine prall gefüllte Tasche, die sie mit beiden Händen angestrengt zuhält, zum Kofferraum ihres Autos trägt und leer zurückbringt. Ihre Spürnase sagt ihr: Offensichtlich hat sie etwas aus dem Haus geschmuggelt. Etwa „Pirat“?

So einfach stellt sich die Aufklärung des Falls denn doch nicht dar. Mias Spurensuche hält „Die aus der 19“ ganz schön auf Trab. Durch ihre gemeinsame Anstrengung lernen sie sich besser kennen und werden einander immer vertrauter.

Mia selbst erzählt die humorvolle Geschichte dieses Buches, bei der es nicht nur um ein klassisches Detektivabenteuer geht, sondern um das Kennenlernen einer Randgruppe der Gesellschaft. Von Menschen mit Einschränkungen, die zur Bewältigung ihres Alltags auf eine Betreuung angewiesen sind.

Mias Verhalten ihnen gegenüber hat, ohne belehrend zu wirken, in diesem Buch eine Vorbildfunktion. „Anders sein“ ist für sie kein Grund jemanden abzulehnen, denn wenn sie abweichendes Verhalten nicht versteht, fragt sie einfach. Oft wirken die schrulligen WG-Bewohner in mit ihren Ticks und Eigenheiten auch sehr komisch. Hervorzuheben ist aber, dass sie an keiner Stelle des Textes abwertend dargestellt oder als Person lächerlich gemacht werden. Mia zeigt uns, was to-le-rant sein heißt, indem sie vorbehaltlos normierte Grenzen zu überschreitet.

Nicole Mahne formuliert ihre Geschichte klar und mit Humor. Die stark vorherrschende wörtliche Rede macht den Text sehr lebendig. Der ist in 15 kurze Kapitel eingeteilt und müsste von der 3. Klasse an selbstständig gelesen werden können. Auch als Vorlesebuch ist er gut geeignet.

Wenn Blicke sprechen könnten … – Kai Schüttlers Buchcover ist rätselhaft. Haben diese Menschen etwas ausgefressen? Was verbindet sie?

Im Buchinnern lenkt er jeweils zu Beginn eines Kapitels mit einer halbseitigen Schwarz-Weiß-Illustration die Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Handlung. (Mias Freundin Jil beim Tanz- und Gesangstraining zum Superstar ist ihm besonders gut gelungen.) Weitere kleine Zeichnungen lockern den Text auf.

Es gibt einen Folgeband: Mia und die aus der 19 – Alpaka Zirkus

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