Buch des Monats August 2015

Edward van de Vendel: Lena und das Geheimnis der blauen Hirsche

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf, Illustrationen von Matthias de Leeuw, nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015.
Verlag Gerstenberg 2014
Lesealter: ab 8 Jahren, 153 Seiten

„… plötzlich sah Lena die Hirsche. … Dreizehn Minihirsche, genauso blau wie die Vase.“

mit freundl. Genehmigung des Verlags Gerstenberg

mit freundl. Genehmigung des Verlags Gerstenberg

Diese filigranen, lebendigen, sich anmutig bewegenden kleinen Hirsche sind „… das Schönste, was sie je gesehen hatte. Und das Unglaublichste.“ Und – Lena hat richtig gehört – sie nennen sie „Meisterin“, bevor sie verschwinden um dann unvermittelt wieder aufzutauchen.

Der Autor erzählt poetisch eine phantastische Familiengeschichte. Er sieht die angespannte geschwisterliche Beziehung zwischen Lena, die immer nachgeben (auch weinen) muss um ihren aggressiven, älteren Bruder Raff zu besänftigen, mit der Intensität von Kinderaugen und lässt Fantasietiere lebendig werden, die am Ende der Geschichte auf das Verhältnis der Geschwister einwirken. Schließlich ist Lena eine „Meisterin“ geworden und fast so wichtig wie eine Königin.

Die große Freude über das Erscheinen der blauen Hirsche lässt Lena erstrahlen und gibt ihr Selbstvertrauen. Das bleibt dem Bruder nicht verborgen, denn auch er hatte eine Begegnung mit einem geheimen Tier.
Als die Mutter ihre Kinder mit der Nachricht überraschen will, dass sie ein Geschwisterchen bekommen, zündet in Raffs Gehirn wieder einmal eine Bombe. Doch ehe er völlig ausrasten kann, tauchen aus dem Nichts die phantastischen Tierfreunde auf. Lenas blauen Hirschen steht ein schwarzer, aufgebrachter Löwe gegenüber, der die friedfertigen Tiere angreift. In diesem Moment wird Lena vermittels der Angriffsbefehle, die sie den Hirschen gibt, zur Kämpferin. Raff hingegen bezwingt sich selbst, indem er seinen angriffslustigen Löwen besänftigt und damit zu einem kleinen schwarzen Kätzchen macht. Beide Kinder sind zum „Meister“ ihrer Gefühle geworden.
Die erzählte Geschichte entwickelt eine spannende Dramaturgie und gibt einen Einblick in Familien, die mit schwierigen Kindern umgehen und auf repressive Geschwisterbeziehungen eingehen müssen. Ob Kinder, die das Buch lesen, den „Stellvertreterkampf“ der Phantasietiere verstehen oder nur als reales, spannendes Stilmittel empfinden, wird von ihrer Leseerfahrung abhängen.
Lesetechnisch ist der Text gut zu bewältigen. Kurze, schlichte Sätze geben die kindlichen Realitäten gut wieder. Die Textverteilung ist sehr übersichtlich und sparsam auf die Seiten verteilt, immer begleitet von inhaltsbezogenen farbigen, oft flüchtigen Zeichnungen (Kreide, Tusche), die auch ganze Seiten füllen. Sie spiegeln eindrucksvoll die Gemütszustände der Personen, weichen aber von gewohnten Kinderbuchillustrationen ab und sind nicht gefällig.
Die Jurybegründung zur Nominierung dieses Buches für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 lautet: „Große Poesie in Wort und Bild.“

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