Buch des Monats September 2015

Nina Weger: Ein Krokodil taucht ab (und ich hinterher) 

Verlag Friedrich Oetinger

Lesealter: ab 10 Jahren, 332 Seiten

Wer den Buchtitel liest und das Cover betrachtet, erwartet eine lustige, humorvolle Ge-schichte. Ein Kinderabenteuer – ja, aber eine tiefgründige Erzählung, die das Problem von egozentrischen Eltern und Wohlstandsverwahrlosung aufgreift?
Der 10-jährige Paul und sein Vater haben sich das Leben zu zweit gut eingerichtet. Der Vater ist Reptilienforscher und Paul teilt sein Interesse. So kam er zu seinem liebsten Geburtstags-geschenk, dem kleinen Mississippi-Alligator „Orinoko“.

mit freundl. Genehmigung des Verlags Friedrich Oetinger

mit freundl. Genehmigung des Verlags  Friedrich Oetinger

Doch plötzlich gibt der Vater die gemeinsamen Gewohnheiten auf und mutiert in den Augen seines Sohnes zu einem „blöden, zahnlosen Molch“. Grund: Er hat sich verliebt und setzt nun andere Prioritäten. Von der Opernsängerin Katharina und ihrer provokanten Tochter Elektra fühlt sich Paul zunehmend an den Rand gedrängt. Als „Orinoko“ in einer Auseinandersetzung mit Elektra in die Toilet-tenschüssel flüchtet und im Handgemenge unglücklicherweise ins Abwasser gespült wird, „taucht“ Paul hinterher. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte.

In der unterirdischen Welt der Kanalisation trifft er auf eine Bande gleichaltriger Kinder. Sie alle haben ihr Zuhause verlassen (Streit, Leistungsdruck, emotionale Kälte) und führen nun in der Dunkelheit ein alternatives Leben, immer auf der Hut vor den Kanalarbeitern und der Polizei, aber mit hohen Ansprüchen an einen respektvollen, achtsamen Umgang untereinander. Jeder von ihnen betrachtet die Gruppe als seine Familie und auch Paul empfindet sich auf Grund seiner verletzten Gefühle bald als zugehörig.
Zunächst nimmt Pauls Eingliederung und die Schilderung der Gemeinschaftsrituale die Erzählung ein, doch bald geht es um die verzweifelte und immer aussichtslosere Suche nach „Orinoko“, der schließlich Nahrung, Licht und sauberes Wasser braucht.

Dann nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Elektra, getrieben von ihrem schlechten Gewissen, taucht in der Unterwelt auf und trägt, es ist kaum zu glauben, maßgeblich zu „Orinokos“ Rettung bei. Zwangsläufig fliegt dabei die Gruppe auf. Doch den Kindern gelingt es ihre familiären Verhältnisse zu ordnen. Sie artikulieren gegenüber ihren Eltern ihre Interessen und setzen nach ihrer Devise (zusammenhalten, respektieren, aufeinander Acht geben) veränderte Lebensbedingungen durch. Ein richtiges Happy End, auch für Paul!

Paul als Ich-Erzähler schildert das Geschehen mit großer emotionaler Beteiligung und bezieht den Leser in seine Ängste und Zweifel ein. Mir ihm lernt er die Beweggründe der Bandenmitglieder für ihr unterirdisches Leben kennen, staunt er über die kreativen, gut organisierten Einrichtungen ihrer „Wohnung“ und durchlebt spannende, brenzlige Situationen beim „Einholen“ (Diebstähle, Einbrüche).

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